50 Ohm

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Warum 50 Ohm? Die Physik hinter dem HF-Standard

Wer zum ersten Mal ein Koaxialkabel in der Hand hÀlt und auf dem Aufdruck "50 Ω" liest, fragt sich unweigerlich: Warum ausgerechnet 50? Die Antwort liegt in einem eleganten Kompromiss zwischen zwei physikalischen Optima und etwas MilitÀrgeschichte.


Das Ergebnis vorweg

FĂŒr ein Koaxialkabel mit Luft als Dielektrikum gibt es zwei physikalisch optimale WellenwiderstĂ€nde, je nach Ziel:

Ziel Optimaler $Z_0$
Minimale DĂ€mpfung $\approx 77\,\Omega$
Maximale LeistungsĂŒbertragung $\approx 30\,\Omega$

Das geometrische Mittel liegt bei:

$$Z_0 = \sqrt{77\,\Omega \times 30\,\Omega} \approx 48\,\Omega$$

Das geometrische Mittel ist hier sinnvoller als das arithmetische, weil Impedanzen auf einer logarithmischen Skala natĂŒrlich sind. Das geometrische Mittel minimiert den maximalen relativen Abstand zu beiden Optima gleichzeitig. Das Ergebnis wurde auf 50 Ω gerundet und Anfang der 1930er Jahre als militĂ€rischer Standard etabliert (MIL-SPEC, spĂ€ter von IEC und IEEE ĂŒbernommen).


Grundlagen: Wellenwiderstand einer Leitung

Die Telegrafengleichungen

Eine reale Leitung lĂ€sst sich nicht als einfacher Draht beschreiben, denn Spannung und Strom Ă€ndern sich entlang der Leitung. Das Modell: jedes infinitesimale StĂŒck $dx$ verhĂ€lt sich wie ein kleines LC-Glied:

───L'dx───┬───
          C'dx
          │
──────────┮───

$L'$ = InduktivitÀtsbelag, $C'$ = KapazitÀtsbelag (jeweils pro LÀngeneinheit). Aus den Kirchhoffschen Regeln auf diesem verteilten Netzwerk folgen die Telegrafengleichungen:

$$-\frac{\partial u}{\partial x} = L' \frac{\partial i}{\partial t}, \qquad -\frac{\partial i}{\partial x} = C' \frac{\partial u}{\partial t}$$

Von den Telegrafengleichungen zur Wellengleichung

Differenziert man die erste Gleichung nach $x$ und setzt die zweite ein:

$$\frac{\partial^2 u}{\partial x^2} = L' \frac{\partial}{\partial t}\left(-\frac{\partial i}{\partial x}\right) = L' C' \frac{\partial^2 u}{\partial t^2}$$

Das ist die Wellengleichung mit Phasengeschwindigkeit $v = 1/\sqrt{L'C'}$.

Wellenwiderstand $Z_0 = \sqrt{L'/C'}$

FĂŒr eine harmonische Welle $\sim e^{j(\omega t - kx)}$ gilt $\partial/\partial x \to -jk$ und $\partial/\partial t \to j\omega$. Einsetzen in die erste Telegrafengleichung:

$$jk \cdot U = j\omega L' \cdot I \quad \Rightarrow \quad Z_0 = \frac{U}{I} = \frac{\omega L'}{k}$$

Mit der Dispersionsrelation $k = \omega/v = \omega\sqrt{L'C'}$:

$$\boxed{Z_0 = \frac{\omega L'}{\omega\sqrt{L'C'}} = \sqrt{\frac{L'}{C'}}}$$

$Z_0$ ist also das VerhĂ€ltnis von Spannung zu Strom einer laufenden Welle, eine reine Geometrieeigenschaft, keine Last. Eine reflexionsfreie Terminierung mit $Z_\text{Last} = Z_0$ lĂ€sst die Leitung „unendlich lang" erscheinen.


$L'$ und $C'$ fĂŒr das Koaxialkabel

Innenleiter-Radius $a$, Außenleiter-Radius $b$. Beide Felder sind rotationssymmetrisch und exakt berechenbar:

InduktivitÀtsbelag (aus dem AmpÚreschen Gesetz: Magnetfeld $B(r) = \mu_0 I / 2\pi r$, Integration von $a$ bis $b$):

$$L' = \frac{\mu_0}{2\pi} \ln\!\left(\frac{b}{a}\right)$$

KapazitĂ€tsbelag (aus dem Gaußschen Gesetz: elektrisches Feld $E(r) = \lambda / 2\pi\varepsilon_0 r$, Spannung durch Integration):

$$C' = \frac{2\pi\varepsilon_0}{\ln(b/a)}$$

Einsetzen in $Z_0 = \sqrt{L'/C'}$:

$$Z_0 = \sqrt{\frac{\mu_0}{2\pi}\ln\!\left(\frac{b}{a}\right) \cdot \frac{\ln(b/a)}{2\pi\varepsilon_0}} = \frac{\ln(b/a)}{2\pi}\sqrt{\frac{\mu_0}{\varepsilon_0}}$$

Wellenwiderstand des Vakuums

$$Z_\text{Vak} = \sqrt{\frac{\mu_0}{\varepsilon_0}} \approx 376{,}73\,\Omega$$

Mit $x = b/a$:

$$Z_0 = \frac{376{,}73}{2\pi} \cdot \ln(x) \approx 59{,}95 \cdot \ln(x) \approx \boxed{60 \cdot \ln(x) \quad [\Omega]}$$

Mit Dielektrikum ($\varepsilon_r > 1$) ersetzt $\varepsilon_0 \to \varepsilon_0\varepsilon_r$:

$$Z_0 = \frac{60}{\sqrt{\varepsilon_r}} \cdot \ln(x)$$

FĂŒr Luft ($\varepsilon_r \approx 1$) entfĂ€llt der Faktor.


Herleitung der optimalen Impedanzen

1. Minimale DĂ€mpfung

Die DĂ€mpfungskonstante $\alpha$ beschreibt, wie stark die Amplitude pro LĂ€ngeneinheit abnimmt:

$$U(z) = U_0 \cdot e^{-\alpha z}$$

Die DĂ€mpfung entsteht durch den ohmschen Widerstand beider Leiter. Wegen des Skin-Effekts fließt der Strom hierbei nur in einer dĂŒnnen Schicht der Tiefe $\delta = \sqrt{2/(\omega\mu\sigma)}$ an der OberflĂ€che. Der Widerstandsbelag ist damit:

$$R' = \frac{1}{2\pi\sigma\delta}\left(\frac{1}{a}+\frac{1}{b}\right)$$

Mit $\alpha = R'/(2Z_0)$ und nach KĂŒrzen aller Konstanten hĂ€ngt $\alpha$ nur noch von der Geometrie ab:

$$\alpha \propto \frac{1/a + 1/b}{\ln(b/a)} = \frac{x+1}{\ln(x)}, \quad x = \frac{b}{a}$$

(Außenleiter $b$ fest, $a = b/x$ variabel, Faktor $1/b$ kĂŒrzt sich heraus.)

Minimum durch Nullsetzen der Ableitung:

$$\frac{d}{dx}\left[\frac{x+1}{\ln x}\right] = \frac{\ln x - \dfrac{x+1}{x}}{\ln^2 x} = 0 \quad \Rightarrow \quad \ln x = 1 + \frac{1}{x}$$

Numerisch: $x \approx 3{,}6$ → $Z_0 = 60 \cdot \ln(3{,}6) \approx \mathbf{77\,\Omega}$


2. Maximale Leistung

Die maximale ĂŒbertragbare Leistung wird durch die DurchschlagsfeldstĂ€rke am Innenleiter begrenzt. Das elektrische Feld im Koaxialkabel folgt aus dem Gaußschen Gesetz (Zylindersymmetrie):

$$E(r) = \frac{V}{r \cdot \ln(b/a)}$$

Da $E(r) \propto 1/r$, ist das Feld am Innenleiter ($r = a$) am stÀrksten, dort tritt zuerst Durchschlag auf:

$$E_\text{max} = \frac{V}{a \cdot \ln(b/a)} \quad \Rightarrow \quad V = E_\text{max} \cdot a \cdot \ln x$$

Die ĂŒbertragbare Leistung bei gegebenem $E_\text{max}$:

$$P = \frac{V^2}{2Z_0} \propto \frac{(a \cdot \ln x)^2}{\ln x} = a^2 \cdot \ln x$$

Mit $a = b/x$ (Außenleiter $b$ fest):

$$P \propto \frac{\ln x}{x^2}$$

Maximum durch Nullsetzen der Ableitung:

$$\frac{d}{dx}\left[\frac{\ln x}{x^2}\right] = \frac{1 - 2\ln x}{x^3} = 0 \quad \Rightarrow \quad \ln x = \frac{1}{2} \quad \Rightarrow \quad x = \sqrt{e} \approx 1{,}65$$

$$Z_0 = 60 \cdot \ln(\sqrt{e}) = 60 \cdot \frac{1}{2} = \mathbf{30\,\Omega}$$


Zusammenfassung der Optima

Kriterium Optimales $x = b/a$ $Z_0$
Min. DĂ€mpfung $\ln x = 1 + 1/x \;\Rightarrow\; x \approx 3{,}6$ $\approx 77\,\Omega$
Max. Leistung $\ln x = 1/2 \;\Rightarrow\; x = \sqrt{e} \approx 1{,}65$ $= 30\,\Omega$
Kompromiss $\sqrt{77 \cdot 30} \approx 48$ $\approx \mathbf{50\,\Omega}$

Warum dennoch nicht 30 Ω fĂŒr Hochleistungssender?

1. Standardisierung dominiert
Die gesamte HF-Infrastruktur (Koaxkabel, Stecker, MessgerĂ€te, VerstĂ€rker) ist auf 50 Ω ausgelegt. Ein Sender mit 30 Ω brĂ€uchte ĂŒberall Transformatoren → Verluste und Kosten.

2. Das Leistungsoptimum ist sehr flach
Die Kurve, die die maximale LeistungsĂŒbertragung beschreibt, fĂ€llt in Richtung 50 Ohm nur sehr flach ab. Der Verlust an maximaler Sendeleistung ist im Alltag also minimal (nur wenige Prozent schlechter als bei 30 Ω), weshalb es keinen wirtschaftlichen Vorteil bringt.

3. Mechanische Grenzen
$D/d \approx 1{,}65$ bedeutet: der Innenleiter ist fast so dick wie der Außenleiter. Das ergibt wenig Isolationsabstand und ist schwer zu fertigen.

4. Hochleistungssender verwenden Hohlleiter
Bei echten Hochleistungsanlagen (MW, kW-Bereich) verwendet man Hohlleiter statt Koaxkabel. Dort gelten völlig andere Optimierungskriterien.


Stattdessen haben sich je nach Anwendung zwei Standards etabliert:

System Impedanz Grund
HF-Messtechnik, Sender, MilitÀr 50 Ω Kompromiss Leistung/DÀmpfung
Kabel-TV, Satellit, TV-Empfang 75 Ω minimale DĂ€mpfung (≈ 77 Ω optimal)
Rundfunk-Hochleistungssender (Àltere Systeme) teils 60 Ω historisch


75 Ω ist höherohmig als 50 Ω und nĂ€her am DĂ€mpfungsoptimum und sinnvoll dort, wo nur kleine Empfangssignale ĂŒbertragen werden und jeder Verlust zĂ€hlt.